Eine Karte wird ausgewählt, verdeckt abgelegt und die verbleibende Hand weitergereicht. Die Wahl ist bindend. Genau darin liegt der Kern von Tides of Time: Jede Entscheidung bestimmt die eigene Auslage und verändert zugleich das Angebot, das auf der anderen Seite ankommt.
Aufbau mit begrenztem Kartenvorrat
Tides of Time von Kristian Čurla erschien im Jahr 2015 und ist für zwei Personen ausgelegt. Das Spiel verwendet einen kleinen Kartenvorrat, aus dem die Hände für die aufeinanderfolgenden Durchgänge gebildet werden. Zu Beginn werden die Karten gemischt. Beide Personen erhalten die für den ersten Durchgang vorgesehene Hand, während die übrigen Karten zunächst als Vorrat bereitliegen.
Ein eigener Bereich vor jeder Person dient als Auslage. Dort landen die im Draft ausgewählten Karten. Wichtig ist die Trennung von Hand und Auslage: Karten auf der Hand sind noch Auswahlmöglichkeiten, Karten in der Auslage gehören bereits zur eigenen Wertungslage. Nach bestimmten Durchgängen bleibt außerdem eine Karte dauerhaft liegen. Sie wird in späteren Durchgängen nicht mehr weitergereicht und beeinflusst damit die folgenden Entscheidungen.
Die Karten sollten so ausgelegt werden, dass ihr Wertungstext gut lesbar bleibt. Das ist kein bloßes Ordnungsdetail. Viele Bedingungen beziehen sich auf die Zusammensetzung der eigenen Auslage oder vergleichen sie mit der gegnerischen Seite. Eine klar sichtbare Auslage verhindert vermeidbare Diskussionen bei der Schlusswertung. Eine allgemeine Einführung zu solchen Abläufen findet sich in der Kategorie Regelerklärungen.
Das Weiterreichen bestimmt jeden Zug
Eine Runde besteht aus einer Folge gleichartiger Auswahlzüge. Beide Personen wählen gleichzeitig jeweils eine Karte aus ihrer Hand und legen sie verdeckt vor sich ab. Erst danach wird die restliche Hand an die Gegenseite gegeben. Die gewählte Karte wird aufgedeckt und in die eigene Auslage gelegt. Anschließend beginnt derselbe Vorgang mit der neu erhaltenen Hand von vorn.
Dieses Verfahren läuft weiter, bis keine Karte mehr zur Auswahl vorhanden ist. Die Reihenfolge der Auswahl ist deshalb relevant: Eine Karte kann für die eigene Kombination nützlich sein, aber auch deshalb gewählt werden, weil sie der Gegenseite eine starke Möglichkeit eröffnen würde. Wer eine Karte weitergibt, entscheidet über den eigenen Plan und über dessen mögliche Störung.
Am Ende eines Durchgangs wird die dafür vorgesehene Karte als bleibende Karte gesichert. Die übrigen Karten der Auslage werden für den nächsten Durchgang nicht unverändert behalten. Stattdessen entsteht eine neue, kleinere Auswahl, während die gesicherten Karten liegen bleiben. Dadurch verdichtet sich die Auslage Schritt für Schritt. Früh gesicherte Karten setzen eine Richtung, können später aber zur Belastung werden, falls passende Ergänzungen ausbleiben.
Die letzte Auswahlphase unterscheidet sich vor allem dadurch, dass keine weitere Vorbereitung für einen folgenden Durchgang nötig ist. Danach steht die endgültige Auslage fest. Karten dürfen nun nicht mehr umsortiert, ausgetauscht oder nachträglich als dauerhaft gesichert erklärt werden.
Wertung folgt dem Text jeder Karte
Gewertet wird erst mit der vollständigen Endauslage. Jede Karte prüft ihre eigene Bedingung. Manche Karten belohnen bestimmte Gruppen in der eigenen Auslage, andere verlangen eine bestimmte Zusammensetzung, wieder andere beziehen die gegnerische Auslage in den Vergleich ein. Der Kartentext gibt vor, was gezählt wird und unter welcher Voraussetzung eine Wertung entsteht.
Für eine saubere Abrechnung wird jede Karte einzeln behandelt. Zuerst wird ihre Bedingung gelesen, danach wird festgestellt, welche ausliegenden Karten dafür zählen. Anschließend wird das Ergebnis notiert oder gemerkt, bevor die nächste Karte folgt. Bei Vergleichsbedingungen müssen beide Auslagen im selben Zustand betrachtet werden. Keine Karte wird während der Wertung entfernt, nur weil sie gerade für eine andere Bedingung berücksichtigt wurde.
Nach der Auswertung aller Karten werden die Ergebnisse verglichen. Die höhere Gesamtwertung entscheidet die Partie. Der knappe Kartenvorrat sorgt dafür, dass auch eine Karte ohne eigene starke Wertung sinnvoll sein kann, wenn sie eine gegnerische Bedingung abschwächt.
Typische Fehler beim Sichern und Zählen
- Eine bereits ausgewählte Karte wird nach Sichtung der erhaltenen Hand noch geändert. Das ist nicht erlaubt, denn die Auswahl wird vor dem Weiterreichen festgelegt.
- Die Resthand wird weitergereicht, bevor beide Personen ihre Wahl getroffen haben. Dadurch entstehen Informationen, die der Ablauf gerade vermeiden soll.
- Eine Karte aus einem früheren Durchgang bleibt liegen, obwohl sie nicht als bleibende Karte bestimmt wurde. Nur die dafür gesicherte Karte bleibt für die spätere Auslage erhalten.
- Bei der Wertung wird nur die eigene Auslage betrachtet, obwohl der Kartentext einen Vergleich verlangt. Vergleichskarten benötigen stets beide Seiten.
- Eine Bedingung wird mehrfach erfüllt gerechnet, obwohl der Text lediglich eine einzelne Wertung auslöst. Der genaue Wortlaut der Karte geht vor einer vermuteten Kombination.
Ein Nebenaspekt des Spiels liegt in der Gedächtnisleistung. Wer nachvollzieht, welche Karten weitergereicht wurden, kann mögliche Ziele der Gegenseite besser einschätzen. Vollständige Sicherheit entsteht daraus jedoch nicht, weil jede Auswahl zugleich Karten aus dem eigenen Plan herausnimmt.
Einordnung für passende Spielgruppen
Tides of Time eignet sich für zwei Personen, die kurze Kartenspiele mit direkter Interaktion suchen und bereit sind, Wertungstexte sorgfältig zu lesen. Der Reiz entsteht aus dem Abwägen zwischen eigener Kombination und dem Vorenthalten passender Karten. Wer ausführliche Themenkulissen oder wechselnde Spielpläne erwartet, findet hier wenig Ansatzpunkte. Für Interessierte an kompakten Drafting-Spielen bietet die Kategorie Rezensionen weitere Einordnungen; Tides of Time passt besonders zu Paaren oder festen Spielduos, die Entscheidungen mit knappen Folgen bevorzugen.