SPIELELEITERBRETT- UND KARTENSPIELE
Rezensionen

Imhotep: Klare Taktik am Nil

von Maximilian Bähr 4 Min. Lesezeit

Ein Boot ist fast voll beladen, doch der letzte Baustein soll besser nicht an Bord. Wer ihn jetzt platziert, verschafft einer Mitspielerin eine ideale Vorlage für die nächste Wertung. Wer wartet, riskiert allerdings, dass das Boot vorzeitig zum gewünschten Bauwerk fährt. Genau aus solchen unangenehm präzisen Entscheidungen zieht Imhotep seine Stärke.

Boote als Hebel für fremde Pläne

Phil Walker-Harding lässt in Imhotep ägyptische Bauwerke entstehen, ohne daraus ein schweres Aufbauspiel zu machen. Die Beteiligten verfügen über Bausteine und wollen diese möglichst gewinnbringend an den Monumenten unterbringen. Dabei zählt je nach Ort die Menge der verbauten Steine, ihre Position oder die spätere Wertung. Die einfache Aufgabe bekommt durch die Schiffe einen scharfen Kniff: Bausteine gelangen nicht direkt an ihr Ziel, sondern müssen zunächst auf Boote geladen werden.

Diese Boote besitzen unterschiedlich viel Platz und werden pro Runde durch eine Rundenkarte bestimmt. Im Mittelpunkt stehen stets vier Schiffe. Sobald ein Boot die erforderliche Ladung hat, kann es zu einem der Orte geschickt werden. Derjenige, der das Schiff losschickt, bestimmt das Ziel, aber die Ladung stammt häufig von mehreren Beteiligten. Damit wird jeder eigene Zug zur Einladung oder Zumutung für andere. Ein Baustein kann an einer Stelle dringend gebraucht werden und zugleich verhindern, dass ein Gegner ein Schiff in eine für ihn perfekte Richtung lenkt.

Das Thema bleibt dabei eher Kulisse als Erzählung. Die Bauwerke und die Gestaltung geben den Entscheidungen einen stimmigen Rahmen, doch Imhotep will keine Geschichte über ägyptische Baumeister erzählen. Es ist ein abstraktes Positionsspiel mit gut sichtbaren Folgen. Das ist eine Qualität.

Wenig Aktionen, viele Folgen

In einem normalen Zug steht nur eine Aktion zur Verfügung. Bausteine werden bereitgelegt, auf Schiffe gesetzt oder ein beladenes Boot wird zu einem Ort bewegt. Dazu kommen Marktkarten, die besondere Möglichkeiten eröffnen, etwa einen zusätzlichen Stein an einem angegebenen Ort zu platzieren oder zwei Aktionen zu verbinden. Die Karten erweitern den Handlungsspielraum, ohne das Grundgerüst zu überladen.

Eine Partie lebt vom Blick auf mehrere Baustellen zugleich. Wer nur auf den eigenen Vorteil am aktuell interessantesten Ort schaut, übersieht schnell, welche Reihenfolge beim Beladen eines Bootes entsteht und wer vom Abschicken profitiert. Besonders gelungen ist, dass Imhotep keine komplizierte Regelmasse benötigt, um Spannung zu erzeugen: Die Mitspielenden verändern die Lage fortlaufend, und eine scheinbar harmlose Platzierung kann den ganzen Plan einer Runde verschieben.

Die Wertungen sind allerdings nicht überall gleich intuitiv. Gerade am Anfang kostet es Aufmerksamkeit, die unterschiedlichen Anforderungen der Orte und die möglichen Folgen eines Schiffsziels sicher einzuschätzen. Die Rückseiten der Ortstafeln bieten anspruchsvollere Vorgaben, außerdem lassen sich beide Seiten kombinieren. Das steigert die Varianz sinnvoll, verlangt aber eine Runde, die bereit ist, sich auf die wechselnden Wertungslogiken einzulassen. Weitere Besprechungen vergleichbar klarer Spiele finden sich in der Rezensionsübersicht.

Direkte Interaktion statt stiller Bauarbeit

Die größte Stärke von Imhotep liegt in seiner direkten, aber regelgebundenen Interaktion. Niemand kann beliebig etwas wegnehmen oder verdeckt einen Plan zerstören. Stattdessen liegt offen auf dem Tisch, welche Boote wohin fahren könnten und welche Steine darin liegen. Der Ärger entsteht nicht durch Zufall, sondern weil eine Person eine andere sichtbar vor die Wahl stellt: Den eigenen Stein noch aufladen und ein ungünstiges Ziel ermöglichen, oder auf den kleinen Vorteil verzichten.

Das sorgt für Gespräche, Drohungen und kurze Rechenpausen. Auch Runden mit erfahrenen Taktikfans erhalten genug Stoff, weil die passende Aktion oft von der Reihenfolge abhängt. Zugleich bleibt der Ablauf zugänglich genug für Menschen, die keine lange Regelerklärung möchten. Der frühere Eindruck von der Präsentation auf der Spielwarenmesse täuscht insofern nicht: Hinter dem zurückhaltenden Äußeren steckt ein ausgesprochen konzentriertes Spiel.

Als kleiner Nebenaspekt fällt die Schachtel auf. Sie wirkt im Verhältnis zum Material großzügig, ein klassisches Kunststoffinlay fehlt. Der gestaltete Pappeinsatz nimmt immerhin einen Teil des Volumens ein. Die großen Holzwürfel machen dagegen sofort einen guten Eindruck und lassen sich auf den Ortstafeln angenehm überblicken.

Für taktische Runden mit Konfliktbereitschaft

Imhotep eignet sich für Gruppen, die offene Informationen, Planung und kontrollierte Sticheleien mögen. Es funktioniert für zwei bis vier Personen, gewinnt aber besonders dann, wenn mehrere Interessen an den Schiffen ziehen und kein Ziel ohne Nebenwirkungen erreichbar ist. Familienrunden können mit den grundlegenden Ortstafeln gut einsteigen, sofern direkte Eingriffe nicht als persönliche Kränkung verstanden werden. Für eine rein harmonische Runde, die lieber nebeneinander baut, ist das Spiel weniger passend.

Eine Schwäche bleibt die thematische Distanz. Wer von Ägypten Atmosphäre, Entwicklung oder individuelle Bauprojekte erwartet, erhält vor allem Wertungsflächen und Transportlogik. Auch können geübte Personen durch vorausschauendes Lesen der Boote Einsteiger deutlich unter Druck setzen. Die Regeln sind schnell erfasst, ihre Konsequenzen nicht. Gerade darin liegt aber der Reiz für taktisch interessierte Runden.

Das Urteil ist klar: Imhotep ist ein sehr gelungenes Taktikspiel, dessen knappe Regeln und scharfes Zusammenspiel deutlich stärker sind als seine eher abstrakte Themenumsetzung. Empfohlen ist es für Gruppen, die jede Bootsfahrt als offene Kampfansage am Spielplan verstehen.

Mehr aus Rezensionen

Ganze Rubrik
Weitere Beiträge
DatumRubrikTitelVerlagSpielerDauer
Rezension Yggdrasil Chronicles als starkes Koop-SpielYggdrasil Chronicles fordert gemeinsame Prioritäten statt bloßer Einzelzüge. Das Koop-Spiel belohnt Planung, Spannung und klare Absprachen. - 1-5 -
Rezension Bärenpark: Taktisches Parkpuzzle im UrteilBärenpark macht aus wenigen Puzzleteilen einen überraschend spannenden Konkurrenzkampf. Das Spiel belohnt Planung, bleibt aber angenehm zugänglich. Lookout Spiele - -
Rezension Iquazú: Edelsteine, Mehrheiten und TimingIquazú setzt auf Mehrheiten in einem prachtvoll gestalteten Wasserfall. Die Regeln bleiben zugänglich, doch jede Platzierung kann eine … HABA 2-4 50 Minuten
Rezension Railroad Ink: Tiefblau Edition RezensionStraßen und Schienen müssen auf engem Raum sinnvoll zusammenfinden. Railroad Ink: Tiefblau Edition macht aus dieser Aufgabe ein … - - -
Rezension Ambrosia Rezension: Taktik im BienenkleidAmbrosia nutzt die Suche von Bienen nach Blütennektar als Thema für ein abstraktes, taktisches Spiel mit hoher Interaktion. Skellig Games - -
Rezension Holding On: Rezension zum Leben des Billy KerrHolding On verbindet Krankenhaus-Alltag mit einer persönlichen Lebensgeschichte. Das kooperative Erzählspiel verlangt Aufmerksamkeit, Absprachen und die Bereitschaft zu … Asmodee - -